© Tages-Anzeiger; 2001-08-07; Seite 51

Auto & Technik

Spielzeug der Schönen und Reichen

Ein Besuch des Monteverdi-Museums ist ein Gang durch die Autogeschichte und ein Eintauchen ins Lebensgefühl der 60er- und 70er-Jahre.

Von Martin Schmid

"Das Museum ist geschlossen", so stehts am Eingang zur Monteverdi Car Collection in Binningen geschrieben. Kurz und lapidar. Ein Museum ohne Zutrittsmöglichkeit? So endgültig, wie es auf den ersten Augenblick erscheinen mag, ist diese Mitteilung nicht. Denn ganz ausgeschlossen bleibt man nicht. Nach vorgängiger Anmeldung wird Gruppen gegen Zahlung eines Pauschalpreises von 200 Franken Einlass gewährt.

Grösstes Automuseum der Schweiz

Unter www.museenbasel.ch ist das Monteverdi-Museum nicht aufgeführt. Dafür kann man in Baedeckers Führer über Basel einige Zeilen über die Sammlung lesen - man muss dazu allerdings schon bis Seite 98 blättern. Beinahe entsteht der Eindruck, dass das Monteverdi-Museum nur eine zweitklassige Ausstellung darstellt und nicht einmal als solche wahrgenommen wird. Dabei handelt es sich um das grösste Automobilmuseum der Schweiz, und bezüglich der Exklusivität seiner Exponate ist es gar weltweit unvergleichlich. Die Ausstellungsstücke, allesamt von Peter Monteverdi (1934-1998) konstruiert, sind rare Sammlerstücke. Ein hai 650 F1, Monteverdis letzte Kreation, kostet zum Beispiel rund 850 000 Franken.

Über den Wert der Sammlung oder einzelner Stücke zu spekulieren, ist jedoch unsinnig. "Die Autos sind unverkäuflich. Ich habe Monteverdi das Wort gegeben, dass das Museum bestehen bleibt", erklärt Rudolf Berger, der heutige Besitzer und Monteverdis langjähriger Lebenspartner.

Statussymbol einer Zeitperiode

70 Exponate stehen auf drei Etagen. Ein Gang durchs Museum ist eine Reise durch Monteverdis Lebenswerk, lässt das Lebensgefühl der 60er- und 70er-Jahre erahnen und ist eine Führung durch die Schweizer Autogeschichte. Monteverdi baute zwischen 1965 und 1982 rund 3500 Autos und war zu dieser Zeit der einzige Schweizer Autokonstrukteur.

Silbrige Krone auf schwarzem Grund: Monteverdis Firmenlogo impliziert Königliches. Und nicht nur das Produkt, auch die Käuferschaft war es. Und war sie nicht von blauem Geblüt, so entstammte sie zumindest dem Geldadel. Der Name Monteverdi stand für Qualität, Ästhetik und Exklusivität und war in den 60er- und 70er-Jahren Statussymbol der Reichen und Schönen. Der Shah von Persien war Kunde. Aber auch die Ölbarone der Emirate gehörten zu den Abnehmern der Luxuskarossen.

Jeder Monteverdi ist in seiner Art einzigartig, aussergewöhnlich, formschön. "Kein Vergleich mit dem heutigen Einheitsbrei", befindet Rudolf Berger. Für ihn steht fest: In den 60er- und 70er-Jahren seien die schönsten Autos gebaut worden, jedes mit Charakter und Esprit.

Monteverdis Weg in die Automobilbranche war als Sohn eines Garagenbesitzers vorgezeichnet, sein Flair für Ästhetik, fürs Sportliche und Luxuriöse dagegen zumindest nicht nahe liegend. Nach einem Voluntariat bei einer Traktorenfirma in Vevey absolvierte er eine Lehre bei der Lastwagenfirma Adolph Saurer AG in Arbon - Stationen, die nicht eben der Inbegriff dessen waren, wofür der Name Monteverdi in Zukunft stehen sollte.

Nach dem frühen Tod seines Vaters 1956 übernahm er als 22-Jähriger dessen Werkstatt in Binningen. Kurz darauf erhielt er die Ferrari-Vertretung; ein erster Schritt in die Welt war getan, in der er sich in Zukunft bewegen sollte. Luxuriöse Sportwagen waren von nun an seine ständigen Wegbegleiter.

1965 entzog ihm Ferrari die Vertretung der italienischen Edelsportmarke. Die Enttäuschung war so gross, dass aus ihr ein Wille geboren wurde, selber Autos zu bauen. Und zwar nicht irgendwelche, sondern luxuriöse, sportliche - und dies in einem zwar engen, aber umso prestigeträchtigeren Segment.

Für Monteverdis Erfolg war nicht nur die Kombination von Kraft und Luxus verantwortlich, bahnbrechend war die Tatsache, dass ein Monteverdi ein Auto mit der Fahrleistung eines Ferraris war, jedoch mit Automatengetriebe, Lenkhilfe, elektronischen Fensterhebern, Klimaanlage und vielen anderen Annehmlichkeiten ausgestattet war. Neben dem exquisiten Design bot ein Monteverdi auch Komfort und war Luxuslimousine und Sportauto in einem.

Der Klang eines Namens

Bis auf ein Modell werden nur Originale ausgestellt. Die Ausnahme bildet sein 1960 unter dem Namen MBM konstruiertes Formel-1-Auto. Dass es nicht zu sehen ist, hat seinen guten Grund: 1960 verunglückte Monteverdi auf dem Hockenheim-Ring mit diesem Rennwagen schwer. Das Auto, eine Einzelanfertigung, wurde dabei völlig demoliert. In Binningen ist heute nur eine Kopie zu sehen, dennoch ist das Original vor Ort. Die Trümmer sind in das Fundament eingelassen.

Dem Akt, über den Überresten seines Formel-1-Autos neue Garagengebäude zu erstellen, kam symbolischer Charakter zu - und dies in doppelter Hinsicht. Einerseits wurde seine Rennfahrerkarriere zu Grabe getragen, andererseits signalisierte es auch einen Neuanfang: Ab 1965 konzentrierte sich Monteverdi auf die Konstruktion und Produktion eigener Autos.

Unter dem Namen MBM (Monteverdi Binningen Motors) hatte Peter Monteverdi bereits seit 1956 seine ersten Autos konstruiert. Es handelte sich dabei um Sportwagen, die in kleiner Serie hergestellt wurden. Weil der Ortsname Binningen im Ausland nur Achselzucken auslöste, wurde nur kurze Zeit später der Name auf Monteverdi Basel Motors abgeändert. Aber auch diese Lösung war nicht der Weisheit letzter Schluss.

Man kam überein, das nichts sagende Kürzel MBM durch Peter Monteverdis Eigennamen zu ersetzen. Monteverdi - ein Name, der nicht nur wegen seines Namensvetters Claudio Monteverdi, des Erfinders der Oper, klingt und Musik in den Ohren ist. Er lässt auch Kreativität, Rasse und Italianità erahnen.

Monteverdi steht für Exklusivität, Glamour und Luxus - aber nicht nur. Oder wer würde schon den Namen Monteverdi mit der Schweizer Armee in Verbindung bringen? Wenig hätte gefehlt, und Generationen von Schweizer Soldaten hätten nicht auf Pinzgauern oder Puchs Platz genommen, sondern auf einem Saurer Military, einem von Peter Monteverdi entwickelten Geländewagen.

1978 konstruierte Monteverdi, auf dem Pflichtenheft der Gruppe für Rüstungsdienste (GDR) basierend, einen Geländepersonenwagen, der in der Evaluation ein positives Echo fand. Saurer übernahm die von Monteverdi entwickelten und konstruierten Prototypen einschliesslich Zeichnungen und Knowhow zur Weiterentwicklung. Das Ziel der Thurgauer Lastwagenfabrik war die Serienherstellung - wenn möglich auch für die Schweizer Armee. Die Übernahme der Saurer-Werke durch Mercedes-Benz bedeutete das Ende dieser Pläne, und der Name Monteverdi blieb, was er bis heute geblieben ist: ein Synonym für Sportlichkeit, Luxus und aufregendes Design.

Monteverdi Car Collection, Oberwilerstrasse 20, 4102 Binningen. Zutritt nach telefonischer Vereinbarung, Tel. (061) 421 45 45.

BILD DIETER SEEGER

Fürs Auge, nicht für die Masse gebaut: Ein Monteverdi Palm Beach aus dem Jahre 1974 (vorne) und ein Monteverdi 375 L von 1968 (rechts).

Hartnäckigkeit und Perfektionismus

Peter Monteverdis Passion war das Auto - als Rennfahrer, als Konstrukteur und als Designer.

"Ich bin ein Drogensüchtiger. Ich hänge auch an der Nadel, aber die ist mit Benzin gefüllt", hat Peter Monteverdi (1934- 1998; Bild) einst von sich gesagt. Rudolf Berger, der heutige Leiter des Monteverdi-Museums, bezeichnet Monteverdi ganz einfach als einen "Autoverrückten". Motoren und Geschwindigkeit hätten ihn fasziniert, Autos seien seine Leidenschaft gewesen.

Hartnäckigkeit, Perfektionismus und der unerschütterliche Glaube an die Durchsetzbarkeit seiner Ideen liessen Monteverdi auch grosse Rückschläge wegstecken oder bewegten ihn gar dazu, seine Anstrengungen zu erhöhen. Obgleich seine Rennfahrerkarriere nach einem schweren Unfall 1960 auf dem Hockenheim-Ring zu Ende ging, mochte er nie ganz vom Rennsport lassen. Im März 1990 kaufte er das marode britische Formel-1-Team Onyx. Im August - nach nur einigen Rennen und noch vor Ende der Saison - beendete Monteverdi sein Engagement allerdings schon wieder. Mit dem Schweizer Gregor Foitek am Steuer war man nie auf Touren gekommen. Rang 7 beim Grossen Preis von Monaco blieb das beste Resultat. "Als komplettes Fiasko", das nur Geld gekostet habe, bezeichnet Berger heute Monteverdis spätes Formel-1-Abenteuer.

Seinen Namen machte sich Monteverdi als Konstrukteur von Luxuskarossen. Das grosse Geld verdiente er aber am Zeichnungsbrett. Viele seiner Ideen wurden patentiert. Er arbeitete unter anderem für Opel, Ford, Toyota und Subaru. Bekannteste Arbeit war indessen die viertürige Version des Range Rover. Daneben entwarf Monteverdi auch Uhren, Kleider und gar Motorjachten.

Der Visionär

Die meisten seiner Autos hatte Monteverdi vor der Ölkrise entworfen, als das Benzin billig war und man sich um ökologische Aspekte kaum scherte. Dass er die Zeichen der Zeit erkannte, macht indes eine Vision späterer Tage deutlich: Das Auto der Zukunft soll auf 100 Kilometer lediglich 3 Liter verbrauchen. Die Forderung wurde kurz nach seinem Tod Wirklichkeit.

(ms.)